Von kleinen Königinnen und dem Mann mit dem Hammer: Tourblog

bitte bitte weiter so! nur nicht nachlassen!
mir fehlt etwas an deinen pausentagen.

ich freue mich immer so über deine tourberichte,
auch wenn lachen und bauchhalten bei den temperaturen hier schon zuviel bewegung ist.

Danke Gretchen! Ich freue mich immer über solche Kommentare :smiley:

Am heutigen Ruhetag () kommt ja noch das große Interview. Wer noch Fragen nachreichen möchte, kein Problem. :wink:

Is ja krass die Unterkunft. Da kann es schon mal passieren, dass man während des Rennens einschläft und das Essen vergisst

Allerdings kennen wir Klödi als treuen Vasallen seines Herrn - als steten Wasserträger in guten wie in schlechten Tagen. Hat er sich evtl nicht getraut den großen Lance zu wecken?

Nun der Ulle wird nicht traurig sein, wenn er den Lance beim Hinterherradeln zuschauen darf. Wenn er zuschaut… nebenbei hat er ja bestimmt noch viele Sponsorenauftritte bei Provinzrennen… Wirbt er gar neuerdings für Pfirsichsaft ?

Ich würd aufpassen Avonlea. Rühr das klebrige Zeugs bloß nicht an !

Morzine, 12.Juli, 1.Ruhetag

Das heutige Etappenprofil:
zzzzzzz ratzepüh zzzz zzzzzz zzzzz ratzepüh

Danke, dass ihr so zahlreich Fragen gestellt habt! Ich werde sie jetzt beantworten und so tun, als seid ihr alle ein Journalist, ok?


Nehmen Sie doch Platz auf einem dieser bequemen Campingstühle. Möchten Sie ein bisschen Ravioli und Pfirsichsaft?

- Nein danke. Und wer ist das?

Das ist Hund. Ich habe ihn sozusagen im BurgHund vor einem Gewitter gerettet.

- Hat sich der Besitzer des Bernhardiners gemeldet?

Nein, Hund hat wohl keinen Besitzer. Das hoffe ich zumindest, nicht dass es heißt, ich hätte ihn entführt. Aus diesen Gründen der Diskretion gebe ich hier seinen richtigen Namen auch nicht preis. Im Umfeld der Tour heißt er einfach nur Hund.
Hund schläft auf der Fußmatte meines Bettes, sofern wir im Hotel schlafen dürfen, und während der Etappe sitzt er im Fond des Mercedes und langweilt sich vornehm. Oder er streckt den Kopf zum Fenster raus und feuert mich an. Ein anderer Fahrer hat nur das Fässchen um seinen Hals missverstanden. Selber schuld, der hat sich gestern auch prompt über 10 Minuten Rückstand eingehandelt.
Bernhardiner sind eigentlich in den Alpen zu Hause, aber ich bin guter Dinge, dass er auch in den Pyrenäen mein Retter in der Not sein könnte.
Lassen Sie uns beginnen.

- Avonlea, Sie fahren seit über einer Woche die Tour de France mit. Da drängt sich uns Journalisten die Frage auf, wer Sie überhaupt sind. Wir würden deshalb gerne wissen, was Ihre Lieblingsfarbe ist.

Weiß mit roten Punkten.

- Was sagt Oscar Freire (Rabobank) dazu, dass Sie jetzt sein Rad fahren? Und was sagt der Radsponsor dazu?

Ich habe bisher nur positive Rückmeldungen bekommen, außer vom Dopinglabor natürlich. Im Ernst: Das interessiert keinen. Der große Neil Armstrong schon sagte « It’s not about the bike » und stieg danach in eine Mondrakete! Das einzige, was den Freire stört, ist dass sein Transponder noch am Rad ist und ich daher praktisch sein Rennen fahre. Aber solange ich im Zeitlimit bleibe und er nicht rausfliegt ist auch das kein Problem. Aber es ist ein gutes Druckmittel, falls ich gerne mal wieder ein neues Laufrad oder ein paar Energieriegel von Rabobank schnorren möchte.

- Was war bisher ihre liebste Etappe?

Die von Montargy nach Gueugnon. Das Burgund ist wirklich malerisch, es gab fast keine Berge und ich hatte mich schon langsam an das Tempo und an das Rad gewöhnt. Auf der Etappe habe ich mich erstmals getraut, die Stützräder abzuschrauben.

- Wer ist dieser Simón?

Mein Teamchef, Physiotherapeut, Rennleiter, Mechaniker, Koch, Manager, Pressesprecher und Reinigungskraft. Er hat spanische Vorfahren (seit letzten Mittwoch bedaure ich das und er freut sich seit gestern) und ist simonzwanzig Jahre alt.

- Wieso fährst du Rad?

Ich habe es gelernt, schon Ende der 80er Jahre. Mein erstes Rennrad war von Puky, dann steigerte ich mich zu Radiant und seit dieser Woche fahre ich Giant! Von Stahl zu Carbon in zwanzig Jahren, das kann auch mein Motto sein, ich repräsentiere sozusagen die technische Entwicklung. Nur meine Nerven sind den umgekehrten Weg gegangen.

- Wie kamst du zum Radsport?

Jetzt wird es kompliziert. Ich dachte, ich könnte hier locker dampfplaudern, aber dann kommen so unangenehme Fragen!
Einige hier im Forum haben die Argumente, ich habe nur eine Geschichte und es gibt nichts, was ich rational begründen könnte.
Ich habe schwierige Phasen durchgemacht, aber ich bin da nicht stehen geblieben. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich genau zu einer Zeit diesem Sport zuwendete, als sich die Ullekreischer abwendeten, also 2006. In den Jahren zuvor hatte ich alles nur so im Augenwinkel verfolgt, aber auch nur, weil ich nicht Herr über den Fernseher war und einen Computer habe ich erst seit wenigen Jahren. Wi hebbt viel tied op’n Dörpen! 2003 sah ich ein paar Etappen während eines furchtbaren Spanien-Urlaubs, als ich bei 40°C Außentemperatur und mit 400 Flohbissen nur im Haus saß und deutsches Fernsehen guckte. Ein Jahr später war ich dann wieder in meinem geliebten Frankreich und stand live an der Strecke, mit ein paar Narben auf der Haut, aber einer einwandfreien Seele. Es war eine Flachetappe nach Nîmes und wir stellten uns an eine kleine Abfahrt, nach fünf Sekunden war das Feld durch. Dumm gelaufen. Aber es war trotzdem sehr interessant.
2006 dann hatte ich ein paar Tage den Fernseher für mich, als ich sturmfreie Bude hatte. Es war dieser unglaublich heiße Sommer und es war WM. Ich kam mittags aus der Schule und schaltete den Fernsehr ein. Die erste Etappe, die ich komplett sah, war Huy - St-Quentin, in Belgien und dem französischen Norden. Das war faszinierend. Alles war faszinierend. Ich staunte, wie so eine Etappe ablief, ich fand die Verpflegungsstation faszinierend und vor allem die Ausreißergruppen. Die haben mich am meisten beeindruckt, weil das komplett andere Leute sind als ich selber bin. Offensiv mit viel Herz und Kampf, und ich bin so das Gegenteil dazu.

Ich wusste um die Doping-Problematik, aber was ich sehen will, sind einfach Leute, die durch mein Lieblingsland fahren. Ich notierte mir die Namen der Dörfer und setzte sie auf eine traumurlaubliche To-Do-Liste. Es dauerte ein paar Monate und ich verfolgte immer mehr auch die sportliche Seite, jenseits von Zeitungsartikeln. Schlimm war 2007, aber es war auch die Zeit, in der ich seitens eines Nebenjobs einen tiefen Einblick in die Arbeit der Presse gewinnen konnte und erschrak, wie die Leser gerade bei diesem Thema manipuliert werden. Man könnte sagen, der Sport sei selber schuld, aber das sehe ich anders. Nachrichtenagenturen dürfen keine zweideutigen Sätze in Berichte schreiben, wenn sie haltlose Anschuldigungen enthalten. Dann benutzt man eine andere Textform und schreibt seinen Namen drunter.

Es wurde oft mit Namen jongliert und am Ende stellte sich heraus, dass die Meldung komplett erfunden war. Aber nicht nur das hat mich erschreckt, auch dass systematisch alte Nachrichten aufgewämt wurden, dann wenn es passte, mit vermeintlich neuen Erkenntnissen immer pünktlich direkt vor der Tour, obwohl das betreffende Interview schon Monate vorher gegeben wurde. Lustig auch, dass Fernsehsender überführte Sünder als Dopingexperten verpflichten. Was würde besser pasen?! Was aber nicht passt, ist dass sie jahrelang gelogen haben, aber jetzt angeblich plötzlich die Wahrheit sagen, wenn sie andere in den Dreck ziehen können, mit dem sie noch eine persönliche Rechung offen haben. Das ist die Ironie der Ironie.

Ich schaue mir das nicht an, weil ich bessere Menschen sehen möchte als ich bin, sondern weil ich überzeugt davon bin, dass es gut ist auf schnellen Fahrrädern durch Länder zu radeln und den Leuten an der Strecke kostenlosen Sport bieten. Aber ich bin wirklich kein Fan des Hochgebirges, das muss ich schon sagen…

Es ist ein schöner, ein ästhetischer Sport mit vielen Spezialisierungsmöglichkeiten, und das ist einzigartig in der Sportwelt und unterscheidet Radsport von allen anderen Ausdauersportarten, macht es aber auch gleichzeitig schwierig, richtig zu urteilen. Man kann natürlich Sprinter, Bergfahrer oder Rouleur sein, aber man kann auch mehr sein. Man kann vielleicht den einen Pass besser hochfahren, den anderen nicht. Man kann bei unterschiedlichem Wetter unterschiedlich gut sein oder zu Beginn einer Saison oder zum Ende gut sein und in der Mitte abfallen, oder man kann überraschende Siege einfahren weil kein anderer sie will. Das ist im Fußball, Tennis oder Motorsport undenkbar. Es gibt viele Möglichkeiten und das gefällt mir.

Es ist also mehr das Grundkonzept als bestimmte Fahrer oder Teams. Das steht hinten an. Es gibt natürlich ein paar Fahrertypen, die ich gerne sehe. Das stellt einen automatisch vor eine große Prüfung, sollte jemand davon als Betrüger entlarvt werden. Ich wäre enttäuscht, aber ich würde mich nicht abwenden, weil ich eben andere Prioritäten gesetzt habe. Deshalb könnte ich schwerlich ein Ex-Fan von etwas sein, weil ich dann mit falschen Erwartungen an die Sache gegangen wäre. Ich habe mir haufenweise quälende Gedanken zu dem ganzen Thema gemacht in den letzten drei Jahren, was beschwerlich ist für einen jungen Fan, der ausgerechnet Fan geworden ist in einer Zeit, in der man laut Medien nicht Fan werden darf! Heute ist mein Herz leer davon, weil ich eine Lösung gefunden habe. Vielleicht bin ich auch moralischer geworden durch diesen Sport, weil ich das Problem auf vieles unfreiwillig übertragen habe, je länger ich darüber nachgedacht habe. Ich habe danach in der Schule nie wieder einen Spicker geschrieben, auch in Mathe nicht, und ich habe die Konsequenzen getragen. Ich trinke keinen Kaffee. Ich bin nie wieder im Bus hinten eingestiegen. Ich beschwere mich nicht mehr über zähes Fleisch, wohl wissend, wie durch Hormone das zarte zustande kommt.

Doping ist immer ein Totschlagargument in jeder Diskussion und es kotzt mich an. Ich möchte nicht mehr trainieren und dann kommt ein Auto vorbei, kurbelt die Scheibe runter und ein Halbstarker ruft « Hast du auch EPO für mich? », lacht dreckig und staubt mich ein. Das ist mindestens genauso unwürdig wie Doping selber. Vor allem, wenn der Typ dann noch ein Fußballtrikot anhat und vielleicht gerade sein Benzin an der Tankstelle nicht bezahlt hat.

Was mich aber in der Tat nervt sind die Ausreden der Überführten. Die zeugen von dem, was ich schon lange wissenschaftlich überprüfe: Doping macht dumm. Es gibt da verschiedene Phasen eines Überführten:

  1. verwundert tun
  2. abstreiten
  3. Ausrede ausdenken (« Das Fremdblut kommt von meinem toten Zwilling, der noch in meinem Körper wohnt »)
  4. Alls zugeben
  5. « Ich war Opfer des Systems »
  6. Glaubwürdiger Experte beim Fernsehen werden.

Bei mir gibt es da nur zwei Phasen:

  1. lachen (bei Fahrerphasen entspricht das den Phasen 1 bis 4)
  2. Kopf schütteln (Vor allem Phase 6)

Diese Antwort ging weit über die Frage hinaus, aber ich dachte, sie hätte das alles impliziert und will damit das Thema ein für alle mal abhaken.

- Vor welcher Etappe fürchtest du dich am meisten?

Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt auf den Pyrenäen. Ich finde diese Tour übrigens auch unglaublich hart, was die Anzahl der Bergetappen angeht. Jetzt wundert mich nicht mehr, warum in den vergangen Jahre Leute recht weit vorne mitfahren konnten, von denen man denken würde, dass sie da eigentlich nichts zu suchen hätten. Aber so viele Bergetappen diesmal! Ja, ich dachte zu Beginn, ich sei ein Bergfahrer, aber dass ich besser Berge fahren kann als sprinten, heißt ja nicht, dass mir das leichtfällt. Die 16.Etappe macht mir Angst. Ich befürchte ernsthaft, dass ich rückwärts rolle, wenn es über zwei Pässe der ersten Kategorie und zwei der « Ehrenkategorie » geht. Für die Favoriten wird diese Etappe zudem nichts bringen, weil das Ziel nicht oben am Berg ist, sondern weit unten im Tal. Die ganze Quälerei wird somit umsonst gewesen sein. Was aber auch bedeuten könnte, dass alle ein gnädiges Tempo anschlagen und wie im letzten Jahr den Tourmalet im Grupetto hochbummeln. Das geht eigentlich ganz gut, denn der Anstieg ist gleichmäßig und damit auch nicht schlecht für schwerere Leute. Da kann man sich gut hinten dranhängen. @ Alle in meinen Trikottaschen: Bitte ordentlich schieben, ja?
Eigentlich freue ich mich aber auf die Pyrenäen, das ist eine tolle Landschaft, besonders für mich aus Plattdeutschland.

- Was willst du mal werden, wenn du groß bist?

Diese Frage ist erniedrigend. Aber ich weiß ja, wer sie gestellt hat und ich werde es mir merken! Wie groß sollte ich denn sein, wenn ich was werden will?
Ein Traumjob wäre Hubschrauberkamerafrau bei der Tour. Dafür habe ich mich diese Woche entschieden. Man ärgert 200 Fahrer mit Dauerbeschallung, ok, aber man macht vor allem auch fantastische Bilder (Benutze ich das Wort fantastisch zu oft? Das liegt daran, dass ich französisch denke zur Zeit und ich nur « fantastique » und « magnifique » kenne, mir für letzteres aber keine Übesetzung einfällt). Und wenn man Lust hat, dreht man kurz ab und fliegt rüber zum Meer.

- Wie viele Schalen Walnusspudding frühstückst du morgens?

Eine reicht. Meinen Sie Schalen oder so Müslischälchen? Ich meine Müslischälchen. Dieser Pudding ist wirklich ein Geheimtipp. Mit ordentlich Zucker gut für eine schnelle Attacke und die Nüsse darin halten vor. Sim und ich haben Angst, dass jemand von den Konkurrenten hinter das Geheimnis meines Erfolges kommen könnte. Heute morgen sah ich einen schwarzroten Helm, der sich hinterm Teamwagen versteckte, als es gerade Pudding gab. Ich habe da jemanden in Verdacht…

- Welches ist neben der Tour de France dein liebstes Rennen?

Ich mache das gleich klar: Den Giro fahre ich nicht und schon gar nicht die Floh-Fahrt, die Pulga a Espana (mit Welle auf dem n)! Ich mag alle Rundfahrten und von den Eintagesrennen natürlich die Cyclassics in Hamburg. Diesen August werde ich wieder an der Strecke stehen und achtet mal drauf im Fernsehen, ich habe einen Plan. Hähä.

- Warum trägt Lance Armstrong schwarze Radsocken?

Das ist in der Tat ein Skandal und er erscheint vielen unerklärlich. Ich habe mich damit aber schon länger beschäftigt und eine Lösung gefunden.
Es gibt im Radsport ja bekanntlich zwei ungeschriebene Gesetze:

  1. Zettele einen Bummelstreik an, wenn dein Teamkapitän stürzt
  2. Trage keine schwarzen Socken!
    Ich erkläre mir Armstrongs Regelverstoß damit, dass er ein Gegenstück zu seiner weißen Weste gesucht und gefunden hat. Außerdem ist er Amerikaner und die denken immer, sie müssten Modetrends erfinden. Tun sie aber nicht! Gelbe Plastikgummiarmbänder sponsored by BP sind nicht modisch und schwarze Socken auch nicht. Jahrelang hat sich jeder daran gehalten, aber jetzt gibt es einen modischen Werteverfall seitens der Amerikaner. Daran knüpft sich aber schon die Frage an, warum der Brite Bradley Wiggins (Garmin-Transitions) auch schwatte Socken trägt. Das ist aber einfach zu klären, im Fall der Briten ist es einfach nur die stoffliche Verkörperung von Fish&Chips.

Ein Frage von einem Reporter aus der hintersten Reihe:

Laurent Fignon ? Spricht man über ihn und sein Schicksal während der Tour oder ist sowas Tabu ?

Also jetzt noch nachträglich Fragen stellen geht aber nicht! :stuck_out_tongue:

Ja, man spricht über den Professor, aber nicht erst jetzt. Sein Buch ist schon länger auf dem Markt.

Ich wollte noch schnell sagen, dass ich morgen wahrscheinlich passen muss, es steht eine laaaange Videokonferenz mit der Uni an. :cry:

Gute Nacht an alle in Deutschland, wo es in der Nähe von Hamburg gerade anfängt heftig zu gewittern. Die Leute, die dort wohnen, sollten noch schnell jetzt duschen gehen und dann alle PCs auschalten!

Gute Nacht :wink:

Jo Schlaf gut viel Glück auf der Radleruni und vergiss nicht das Licht auszumachen :wink:

Wenn ich diese Tourberichte lese, fallen mir auch nur die Worte „fantastique“ und „magnifique“ ein :clap:
:merci: und weiter so!
Und wenn ich die Nägel hinten aus der Trikottasche fallen lassen soll, musst du es nur sagen :wink:

Schließ mich voll und ganz der Fee an !
Und hoffe das avonlea nach der Hammeretappe gestern in den Alpen das Gruppetto noch gefunden hat, um uns heut eine Reportage zu senden. War ja ein harter Tag für so manchen Fahrer. Wiederum andere sind locker und flockig den Berg hinaufgeschwebt…

Gap, 14.Juli 2010, 9.Etappe: Morzine - Saint-Jean-de-Maurienne + 10.Etappe: Chambéry - Gap, 179km

Mein erstes Tatoo

Mir geht es heute nicht gut, ich bin psychisch angeschlagen. Die Videokonferenz mit der Uni während der Etappe heute hat mich fertig gemacht und ich möchte jetzt gerne heulen. Wie kann ich da noch von meinem Erfolg bei der gestrigen Etappe berichten ohne dass es die Ironie der Ironie zu heute wäre?

Ich war sehr erfolgreich am Col de la Madeleine, vielleicht war das, weil ich so Angst davor hatte. Vielleicht auch, weil ich bei dem Schneckentempo wirklich meine Vorteile auspielen konnte. Ich musste nur meinen Trott fahren und warten, bis die Leute, die mich vorher mir Schwung überholt hatten, wieder rückwärts rollen. Warum war ich trotzdem nicht als Erste auf dem Pass (ihr hättet mich sonst ja im TV gesehen)? Ich war schon vorher abgehängt, bei den Abfahrten hat es mich erwischt. Das war gleich am Col de la Colombière. Ich bin eben auch kein guter Abfahrer, das habe ich festgestellt. Ich habe Muffe, wenn das Rad flattert und der Lenker sich verselbstständigen will. Bremsen darf man nicht, das ginge nur, wenn ich noch die weichen Rostbremsen von meinem alten Rad haben würde. Da war es dann klar, dass ich früher oder später mal mein Rad von unten angucken würde. Gestern ist es passiert. Das Peinliche: Es war schon ganz am Ende der Abfahrt, ich hatte es fast überstanden und war schon an der Stelle, wo wieder Büsche wuchsen, und das war auch mein Unglück. Da nimmt man mal eine Kurve etwas schärfer als gedacht, das Rad rutscht weg und schon liegt man in der Leitplanke. Es war eine unbefriedigende Situation, mit dem Hinterkopf im Busch zu hängen, während der Rest meines Körpers irgendwo auf der Straße unterm Rad begraben liegt. Da wieder rauszukommen ist Millimeterarbeit, wie Limbotanzen. Es hat aber funktioniert, ich konnte die Fahrt beenden. Ich sah nur aus, als hätte mich ein Alpenbär erwischt, Kratzer im Gesicht von der Flora am Streckenrand, ein Ast hing mir solange im Helm, bis sich einer der hinterherbummelnden Sprinter erbarmte und mich davon befreit hat. Ich hoffe, es gibt keine Fotos davon. Besser könnte man einen Hungerast (den ich nicht hatte, ich sah nur so aus!) nicht illustrieren.

Ich bin aber stolz, jetzt auch gebrandmarkt zu sein, immerhin haben wir zwei Leute ,die mit gebrochenen Handgelenken oder Ellenbogen fahren (Farrar und Evans), mit angeknacksten Rippen und allerhand Verbänden an Armen und Beinen. Ich nenne jetzt immerhin Schürfwunden mein Eigen, und da wird keiner der Fahrer lachen (und ihr tut das bitte auch nicht!). Jeder von denen weiß, wie schmerzhaft die sind im Vergleich zu richtig blutenden Wunden. Also ich habe eine davon an meiner meiner rechten Schulter, wo ich über den Asphalt geschlittert bin, eine am Rücken, auch davon, mein rechter Ellenbogen ist entstellt und vom Zustand meines Knies möchte ich nicht sprechen. Ich kann gar nicht hingucken.

Dann der riesige Brocken, der erste HC-Berg, der Col de la Madeleine. Rational gedacht hatte ich mir ausgerechnet, dass das für mich gehen müsste, dieses Ungleichmäßige, wo man sich mal ein paar Meter erholen kann und dann die nächste Rampe kommt. Da schafft es auch keiner der Fahrer Tempo zu machen wie bei anderen Bergen. Eigentlich hätte ich am Berg Ausreißer sein müssen, weil die wirklich einen Vorteil hatten. Sie konnten mit über fünf Minuten den Berg hochschnecken und wurden dann zwar eingeholt, aber nicht mehr richtig überholt, denn die Favoriten schneckten genauso. Aber wie gesagt, leider war ich zufällig gerade hinten im Feld und habe mir auch Sonnencreme in die offenen Wunden schmieren lassen.

Und dann hoch.

Schmerz kann unglaubliche Energien freisetzen. Gepaart mit Wut macht es unschlagbar. Ich erkenne mich kaum noch wieder. Im normalen Leben hätte ich rumgezickt, gejammert und meine Freunde verletzt, jetzt tobe ich mich aus und pumpe den Berg hoch. Auch als es wieder bergab geht, bin ich noch stinksauer - weil es bergab geht. Die ganze Arbeit umsonst. Ich bin ein praktisch denkender Mensch, wenn die Sache so liegt, hätten wir den Berg ja auch umfahren können. Dann meldet sich die Sportsraison zu Wort und sagt, dass das so sein muss, wir fahren hier nicht zum Vergnügen, wir machen Sport. Das macht mich noch sauerer. Wie heißt das Wuthormon? Adrenalin? Davon habe ich reichlich an diesem Tag. Der Schaum vor meinem Mund hat nichts mit Erschöpfung zu tun.

Alles, ich schwöre alles, was mir durch den Kopf gegangen ist, habe ich mir gemerkt und notiere es hier, es sind fünf Beobachtungen:

  1. Hinter einer grünen Tür mit abgesplittertem Lack befindet sich ein kleiner Wasserfall, der unter der Straße hinduchgeführt wird.
    2.Ich weiß jetzt, warum Cervélo so hässliche Helme hat. Diese Löcher sind kompatibler für Flaschenhälse, um sich besser Wasser reinzukippen als die anderen.
  2. 14,5%. Ich glaube, ich kippe gleich hintenüber. Da muss man so weit hinten wie möglich aufm Sattel sitzen und das Kinn so weit wie möglich Richtung Lenker ziehen.
  3. Das Sprachzentrum fällt der Höhenluft zum Opfer. Die Vokale gehen aber noch ganz gut, wie bei Betrunkenen.
  4. Braune Kühe am Streckenrand ,was machen die hier oben?


Hier ein Foto (es gibt bisher nur noch wenige Fotos von mir, weil Simón ja immer aussteigen muss um zu knipsen.). Das war vor meinem Sturz. Wie ich danach aussah, möchte ich hier nicht zeigen, vielleicht gucken Kinder zu. Aber sieht man mir die Anstrengung wenigstens an?

Ich komme mir vor wie auf einem Campingplatz am Gipfel. Überall Wohnmobiele, wiklich überall.
Auf der Abfahrt muss man höllisch aufpassen. Wenn einem der Verstand ausgeht, geht einem auch die Straße schnell wieder aus. Der Gedanke „Och, dann fahr ich halt kurz auf’s Gras“, funktioniert hier nicht. Es geht direkt bergab und nochmal möchte ich heute nicht Bekanntschaft mit der Schotterpiste machen. Am Berg hatte ich wieder ein bisschen Anschluss gefunden, mit nur noch etwa 15min Rückstand auf die Stpitze, nach der Abfahrt waren es dann wieder mehr, aber ich habe eine gute Gruppe gefunden und alle sind rechtzeitig im Ziel angekommen. Ganz ehrlich, ich hätte gedacht diese Berge wären härter. Vielleicht bin ich doch Bergfahrer? Nur die Abfahrten kann ich bewiesenermaßen überhaupt nicht. Ich habe es jetzt in meiner Haut eingebrannt stehen.

Bei dieser Tour bisher habe ich bisher gelernt, dass es nicht viel Raum für Gedanken gibt. Wenn, dann sind es wirklich nur Gedanken, die sich mit der Frage der Motivation beschäftigen. Da muss man sich dann auch bewusst sein, dass alle anderen Gedanken zur Landschaft, zur Laufmasche im Trikot des Vordermannes oder Sonstiges am Berg einfach fehl am Platze sind. Was schade ist. Der Col de la Madeleine ist einmalig schön und noch nicht so hoch, dass ich über das normale Maß hinaus Sauerstoffmangel gehabt haben könnte (Ok, meine oben notierten Gedanken während der Fahrt beweisen eher das Gegenteil, ich habe schon verstanden, was ihr an dieser Stelle denkt.)

Sandy Casar (FdesJeux) gewinnt die Etappe (Casar? Richtig, das war der mit dem Hund (aber das ist nicht Hund! Es handelt sich ganz offensichtlich nicht um einen Bernhardiner!) und die Milchschnitte (der Ausdruck stammt nicht von mir) fährt in Gelb und Weiß.

Auch heute, eine relativ lockere Bummeletappe (bisher waren wir übrigens bei sämtlichen Etappen weit unter dem errechneten Schnitt, was sehr gut für mich ist), stand alles noch unter dem dem Zeichen des Schmerzes. Das Gute ist, wenn man solchen Schmerz hat, überdeckt es den sonstigen Schmerz in den Beinen vom Fahren und den Muskelkater in der Lunge. So ein Sturz, auch wenn er harmlos war, bleibt mir als Anfänger natürlich im Gedächtnis und es hat mich nicht gewundert, dass ich heute schon wieder in eine brenzlige Situation bekommen bin. Immerhin gab es diesmal Wiesen und keine Steilwände mit (oder ohne) Leitplanken. Abseits der Kameras habe habe ich da mal den Armstrong-Style ausprobiert und es hat funktioniert. Ein Erfolgserlebnis.

Ich tippe übrigens in einer sehr aktobatischen Postition, mein rechter Ellenbogen muss zwangsweise in der Luft hängen um nicht durch einen Aufschrei das ganze Hotel wach zu machen und ich habe in mein T-Shirt ein Loch geschnitten, damit die Schulter ja nicht in Berührung mit dem Stoff kommt. Nur schlafen geht ganz gut, links bin ich noch heile.

P.S.: Ich habe übrigens auch noch einen Mückenstich direkt rechts neben dem Auge. Welch ein Hohn. Da hängt man mal aus Versehen im Gebüsch und dann muss einen auch noch so ein Inskekt weiter erniedrigen. Ich bin am Boden. Vielleicht steige ich morgen aus. :frowning:

P.S. II: Ich habe nicht mal Lust die Classements aufzuschreiben. Guckt euch das selber an, wenn ihr wollt

P.S. III: Cristo, ich dachte du wolltest dir die Tour nicht anschauen. Nur um des Spottes willen? Wie öde. :unamused:

P.S.IV: Ergänzung zum Foto: Dass mein linkes Bein vorm Unterrohr zu sehen ist, ist eine reine optische Täuschung.

danke für das foto von dir, du bist das schönste radlmadl von der ganzen welt!

Oh je, oh je, Schürwunden… gar nicht gut.

Für die nächste Abfahrt kann ich dir den Tipp geben, hülle dich in Motorradkleidung, dann geht das leder kaputt, nicht die Haut. :wink:

Kopf hoch, die Wunden heilen wieder und für die nächste Etappe bist du sicher wieder fit. Wir glauben an dich und den Tourerfolg!

wir sind alle mit dir,nicht aufgeben.für die wunden gibt es dr.bach rescue-creme…

:wink:

Heißes TDF-Smilie !

:smiley: Erwischt ! Ich wollt dich endlich mal in Echtzeit radeln sehn. :wink: Aber beim Anblick von Schleck und Contador wird man sodann von den Zweifeln eingeholt. :neutral_face:

P.S. Inzwischen bin auch ich überzeugt, dass du aus rein kulturellen Gründen an der Tour teilnimmst und es nicht nötig hast zu irgendwelchen Mitteln zu greifen ausser vielleicht den Bio-Energiefruchtschnitten mit denen ich auch immer radeln gehe in Frankreich :wink:
Ich bevorzuge übrigens Dattel/Orange
:smiley:

Valence, 15.Juli 2010, 11.Etappe: Sisteron - Bourg-lès-Valence, 184,5km (175km)

Savoir pédaler


3D-Routenplanung. Allein die Käseschachtel ist aus der Normandie, der Inhalt aber wieder zutiefst südfranzösisch.

Frankreich, das Land des Weines. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Träger des Weinbergtrikots Jérôme Pinot heißt. Es ist außerdem fast unmöglich, eine Tour zu gestalten, die nicht zwangsläufig irgendwo durch einen Weinberg führt. Nach der Bourgogne kam dann heute die zweite volle Ladung in der Provence/Drôme. Aber damit nicht genug, auch DIE beiden anderen Gewächse, die unweigerlich mit Frankreich verbunden werden, zeigten sich mal wieder am Wegesrand, Sonnenblumen und Lavendel.

Es würde heute sehr heiß werden und sehr windig, das wusste ich schon am Start, als der Mistral die Fensterklappen meines Hotelzimmers aufwehte und der Wind wie ein heißer Föhn Richtung Bett pustete. Die Tourtage machen müde und es gibt nichts anderes außer Radfahren, essen und schlafen. Wenn man dann seines Schlafes beraubt wird, kann man schonmal schlechte Laune bekommen. Ich hätte gut und gerne noch 15 Minuten weiter schlafen können, hätte mich nicht dieser Vorfall geweckt. So blieb ich die Viertelstunde noch liegen, schaute mir zur Beruhigung meiner noch anhaltenden und bestärkten Wut das Fliegenpapier an der Decke an und wartete, dass Simón mich um halb acht mit der Vousvouszela wecken würde.

Langsam kommt Routine in die Renntage, halb acht wecken, fünfzehn Minuten später frühstücken und dann mit dem C-Klase-Bus zum Startort fahren. Auch während der Fahrt heißt es immer wieder essen. Müsli, Nudeln, Bananen etc. Mittlerweile bin ich aber zu Reis übergelaufen, ich kann keine Nudeln mehr sehen.
Mittags dann der Start. Ich freute mich, dass es heute in Sisteron losging, dem Tor zu meiner Welt, auch wenn wir letztendlich in die andere Richtung fuhren. Aber viel erinnert auch dort an das Land des Lichts. Einmal, als wir nach wenigen Kilometern vor einer weiten Landschaft mit einem Lavendelfeld links und einem Sonnenblumenfeld rechts standen, dahinter grüne Berge mit leichten grauen Felssprenklern, da hielt es mich nicht mehr im Sattel, ich streckte mich und rief « Schaut mal, das ist mein Land! » Wie die Amerikaner. Mir fiel auch sofort dieses Volkslied « This land is my land, this sland is your land, from the lala lala Canyon to the lala mountains » oder wie das ging. Die Franzosen fühlten sich bedroht, Stephane Augé (Cofidis) hat sich gleich eine Fluchtgruppe zusammengestellt.

Auch wenn es so heiß und windig war, ich war glücklich, pflückte mir eine Sonnenblume, steckte sie hinters Ohr und bummelte selig dem Feld hinterher. Und heute war es wirklich bummelig. Jeder wusste, dass es zu einer Sprintankunft kommen würde, selbst die drei Ausreißer, die deshalb auch gleich langsam gemacht haben, weil sie ja eigentlich nicht ausreißen wollten (Grund siehe oben), aber das Feld hat dann proportional dazu Tempo rausgenommen und wir hatten gut eine halbe Stunde Verspätung. Im Ziel dachte die Putzkolonnen schon, wir wären durch, die hatten schon die Banden abgebaut und als sie uns dann aber wie eine Fatamorgana am Horizont erblickten, schnell wieder alles angeschraubt.

Meine Schürfwunden brodelten in der Sonne und der Schorf auf meinem rechten Ellenbogen sieht immer noch furcherregend aus. Ich bin deshalb immer ganz rechts am Straßenrand gefahren, um die anderen Fahrer nicht zu erschrecken. Einen Sonnenbrand hatte ich bisher noch nicht, außer an den Ohren, aber in der ganzen Anstrengung ist der Kopf sowieso immer rot, da merkt man das nicht. Ein richtiger Sonnenbrand wird wohl jetzt auch nicht mehr kommen. Gute Sonnenmilch. Heute Abend in Bourg-lès-Valence habe ich gleich noch einen Liter Olivenöl gekauft.

Erst so um die zwanzig Kilometer vor dem Ziel, als die Ausreißer eingeholt worden waren und der Wind zunahm, forcierte Saxo Bank das Tempo, die Füchse, die wollten Contador abhängen, aber auch der hatte aufgepasst, der Wind und das kurzzeitig hohe Tempo konnte keine echte Lücke ins Pelotong reißen, sie haben niemanden abgehängt außer mich. Das war mir recht, denn just in dem Moment traf ich auf die Landstraße, die Aperdurus mir als Abkürzung empfohlen hatte. So konnte ich die entlangbummeln, nochmal die Sommerausdünstungen der Natur inhalieren, Thymian, Lavendel, Pinien, und ganz gemütlich kurz vor Bourg-lès-Valence wieder auf das Feld treffen. Und da, am letzten Lavendelfeld, habe ich meinen Fanclub gesehen:


Von Sim liebevoll nachkoloriert.

Aperdurus und seine Freunde haben Wort gehalten und mir nicht nur ein Transparent gemalt, sondern ihren Tourauftritt auch noch mit einer politischen Botschaft versehen. Ich war happy und verspeiste noch schnell mein letztes Walnusspuddingenergygel, bevor das Feld zum Sprint ansetzte. Ratet mal, wer gewonnen hat.

P.S.: Hier noch das Ergebnis meiner Dopingkontrolle (Urin) vom 11.Juli:
80% Wasser
15% Cola
5% Pfirsichsaft

Ah, das PlayMo-Fahrrad kenne ich, den Lavendel auch, aber was ist in der Käseschachtel?

Leider konnte ich Ankuft heute nicht sehen, also auch nicht das Plakat und deinen Fan-Club. Aber ich habe die ganze Strecke mit dir gefiebert. Weiter so!

Das ist kein Playmobilrad! Das ist ein original Bridgestone-Rad aus Stahl :mrgreen:

In der Schachtel sind natürlich Pinienkerne. Sagenhafte 13 Jahre lang gereift. :wink:

Echt? Sieht genauso aus wie das Rad des PlayMo-Räubers. ggg

Ah, jetzt ja. Jetzt kann ich sie auch erkennen. :smiley:

mark renshaw(ausrtalien)wurde aus der tour ausgeschlossen,nachdem er 500m vor der ziellinie dem neuseeländer julian dean einen « coup de boule »(kopf) verpasst hatte :open_mouth:
tempsreel.nouvelobs.com/actualit … -tete.html