Soll man Célines Todestag ehren ?

Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) ist einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sein bekanntester Roman ist Vol au Bout de la Nuit (Reise ans Ende der Nacht) 1932.

2011 sollte Frankreich Céline anlässlich des 50. Todesjahrs offiziell ehren. Aber… Céline ist auch dafür bekannt, dass er sich sehr deutlich antisemitisch in verschiedenen Schriften ausgedrückt hat, und dass er mit den Deutschen während der Besatzung des Landes zusammengearbeitet hat.

Der Kulturministerium hatte Céline auf der Liste der célébrations nationales 2011 eingetragen, was Serge Klarsfeld (bekannter Nazi-jäger und Präsident des Vereins der Söhne und Töchter jüdischer Deportierten) wütend machte.
Céline wurde schließlich aus der Liste abgestrichen…

Interessanter Artikel zum Thema:Darf Frankreich den Antisemiten Céline feiern ?

Meine Meinung: Da alle schöne Kunst nichts ist ohne den Künstler der dahinter steht, ist sie auch nicht bewunderswert wenn der Künstler, der dahinter steht, ein salaud ist.
Klare Sache :nul:
Ich hab da auch mit Wagner und Konsorten kein Problem :imp:
Die im Artikel beschriebene österreichische Lösung im Presseartikel ist natürlich wieder 100% Austria wie man es liebt :laughing:

Mislep, hast du nicht zufällig Vol de nuit (St Exupéry) mit Voyage au bout de la nuit verwechselt? :wink:

Ja :smiley:

Ich hab nie ein Buch von ihm gelesen, die seien auch sehr schwer zu verstehen, aber folgendes kann ich trotzdem sagen: Im Rahmen einer Hausarbeit habe ich ein Zitat von Céline gefunden, das für sich spricht:

(Quelle: univ-nancy2.fr/renoir/illusion.html)

Antisemitischer geht wohl nicht. Allein das Zitat hat mir gereicht, echt. Das Buch « Bagatelles pour un massacre », das so sehr antisemitisch ist, das heutzutage nirgendwo zu kaufen ist, soll auch ein grässliches Beispiel für Célines « dunkle Seite » sein.
Dass man so einen Typ nicht ehren möchte, find ich gut. Antisemitismus war ein Kernteil seiner « Kunst » (siehe die mehreren Essays, wo er die Juden beschimpft), und nicht nur eine Seite, die er nicht lange erwähnt hat. Eine Trennung zwischen dem Mensch und dessen Überzeugung ist kaum möglich, da sie in einigen Büchern auch vorhanden sein soll.
So eine Frage kann man sich über Richard Wagner auch noch stellen.

Ein interessanter Artikel und umso mehr interessanter Kommentare (aber nicht alle) hier: rue89.com/2011/01/21/mitterr … 011-186803

Ich kannte Céline vorher nicht und habe mal bei Wiki seine Biographie durchgelesen. Irgendwie sehe ich keinen Zusammenhang zwischen seinem Leben und seinem Antisemitismus. Woher kam dieser fanatische Hass? Darüber habe ich nichts gefunden.

Diesen Absatz in dem Artikel, den Michelmau vorgeschlagen hat, trifft es ganz gut:

Es gibt eine literaturwissenschaftliche und eine politische/gesellschaftliche/moralische Perspektive. Ehrentage und Ehrungen werden aber immer für eine Person abgehalten, nicht für ein Werk und schon gar nicht für einen Stil. Ich sehe kein Problem darin, aus literaturwissenschaftlicher Sicht zu sagen, dass jemand gut geschrieben hat, denn das ändert nichts an der Abscheulichkeit eines Inhalts, denn das Geschriebene ist nicht mehr als das Ergebnis eines Handwerkes. Auch ein Idiot kann gut kochen und dann kann man das anerkennen.

Also: Céline sollte keine Ehrung bekommen, bedeutender Schriftsteller hin oder her. Hitler war sicher auch ein begnadeter Rhetoriker und den ehrt (Gott sei Dank!) keiner mehr allein wegen seinen rhetorischen Fähigkeiten.

Aber es gibt andauernd Fälle in der Kunst, die meist aber eindeutig « milder » sind als der von Céline. Denken wir an den Antisemitismus, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts zum guten Ton des Bürgertums gehörte, wie bei Thomas Mann. Das setzt seine Werke aber nicht auf eine rote Liste. Oder Günther Grass nach seinem SS-Geständnis. Es gibt kein Problem, sein Werk weiterhin zu lesen, weil es wenig (Mann) oder nichts (Grass) mit der Person zu tun hat. Oder wie sollen wir mit Martin Luther umgehen? :confused: